Leseprobe REVIERBLUT
Autor: Michael Schild
Thema: True Crime / Deutsche Kriminalgeschichte
Schauplatz: Das Ruhrgebiet und Velbert-Langenberg (1960er & 70er Jahre)
- Seitenzahl der Print-Ausgabe : 310 Seiten
- ISBN-13 : 979-8247791768


🌑 Teil 1: Jürgen Bartsch – Die Maske der bürgerlichen Unschuld
In diesem Abschnitt tauchen wir in die verstörende Diskrepanz zwischen dem grausamen Mörder und dem „braven Jungen“ aus der Metzgerei ein. Es zeigt die psychologische Spaltung des Täters.
Aus dem Kapitel: „Die Stille nach dem Sturm“
Nach dem Mord an Manfred vollzog sich eine Szene, die bizarrer nicht sein könnte. Während in Duisburg die Eltern von Manfred verzweifelt die Straßen absuchten, während die Polizei erste Vermisstenanzeigen tippte, saß Jürgen Bartsch bereits wieder in seinem Wagen. Er fuhr nicht sofort weg. Es gibt Berichte, dass er oft noch in der Nähe der Wohnorte seiner Opfer kreiste. Er betrachtete die bürgerliche Welt, aus der er sie gerissen hatte.
Und dann die Rückkehr nach Langenberg. Jürgen parkte seinen Wagen vor der Metzgerei. Die Hände, die kurz zuvor noch mit der Knochensäge gearbeitet hatten, lagen ruhig auf dem Lenkrad. Er ging ins Haus. Dort wartete Gertrud Bartsch. Es war spät, aber für sie war er immer noch der Junge, der „rein“ sein musste.
Stell dir das vor: Ein 19-jähriger Mörder, der gerade ein Kind zerlegt hat, steht nackt in der weißen Badewanne. Seine Mutter schrubbt ihm den Rücken, fährt mit der Bürste über seine Arme, sucht nach Schmutz – und findet nichts. Sie wusch das Blut eines fremden Kindes ab, ohne es zu wissen.
In diesen Momenten der Stille, wenn das Wasser in der Wanne ablief, war Jürgen Bartsch vollkommen leer. Keine Reue, kein Grauen. Nur die sterile Sauberkeit der Metzgerei und der Geruch von Kernseife. Er funktionierte. Er war der perfekte Sohn, der perfekte Geselle.
🌑 Teil 2: Joachim Kroll – Das Grauen im Kochtopf
Im krassen Gegensatz zu Bartsch steht Joachim Kroll. Er ist der unscheinbare „Jockel“, über den sich alle lustig machen. Dieser Abschnitt zeigt die unfassbare Normalität, mit der er seine Taten in seinen Alltag integrierte.
Aus dem Kapitel: „Der Kochtopf in der Friesenstraße“
Wenn Joachim Kroll nach seinen Taten in seine Dachgeschosswohnung zurückkehrte, legte er die Maske des unauffälligen Arbeiters nicht ab – er vertiefte sie. In seiner Tasche, sorgfältig eingewickelt in Zeitungspapier oder einfaches Wachstuch, trug er die Beute des Tages. Für ihn war es kein Sakrileg, es war „Fleisch“.
In der Enge seiner Küche, beleuchtet von einer nackten Glühbirne, bereitete er seine Mahlzeiten zu. Es gab kein Zögern. Er stellte den Topf mit Wasser auf die elektrische Herdplatte und wartete, bis das Wasser zu sieden begann. Er schnitt das Fleisch in handliche Stücke. Er fügte Salz hinzu, manchmal ein paar Kartoffeln oder Karotten, die er am Nachmittag im Konsum gekauft hatte.
Während der Dampf aufstieg und das Fenster beschlug, saß Joachim am Küchentisch und wartete. Er verspürte keine Ekstase, sondern eine tiefe, satte Zufriedenheit. Er aß direkt aus dem Topf oder von einem einfachen Blechteller. Wenn er kaute, fühlte er sich den Männern bei Thyssen überlegen. Sie aßen ihre Leberwurstbrote und ihre Currywurst, während er eine „kostbarere“ Nahrung zu sich nahm.
Wenn er fertig war, spülte er den Topf sorgfältig aus. Er hinterließ keine Spuren. Kein Blutstropfen blieb auf dem Linoleum, kein Rest im Abfluss. Er war ein ordentlicher deutscher Arbeiter, der lediglich eine besondere Diät pflegte.+2
💡 Impulse
- Ordnung vs. Chaos: Beide Täter lebten in einer extremen äußeren Ordnung (Bartschs Waschzwang , Krolls penible Sauberkeit in der Küche ). Wie dient diese „deutsche Gründlichkeit“ als Tarnung für das absolute Böse?
- Die Rolle der Gesellschaft: Kroll wurde als „Dorfdepp“ und harmloser „Jockel“ unterschätzt. Bartsch galt als der gut erzogene „Prinz aus der Metzgerei“. Was sagt das darüber aus, wie wir Menschen beurteilen?
- Empathie: Das Buch beschreibt bei Bartsch einen „totalen Empathie-Kollaps“. Kroll hingegen aß seine Opfer aus „Sparsamkeit“. Welcher Täter-Typ wirkt beim Lesen bedrohlicher?

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